In Mui Ne „gestrandet“

Wie aus zwei Tagen eine Woche werden kann.

Nach drei unvergesslichen Tagen in Saigon mit meinem alten Freund Ali nehme ich den Bus Richtung Osten. Ich bin vom Wochenende noch ein wenig geschafft. Was in Saigon passiert, soll bekanntlich auch da bleiben. Deshalb werde ich hier auch nichts weiter dazu schreiben.

Für Mui Ne habe ich zwei Tage eingeplant. Neben einem netten Strand verheißen der Fairy Stream als auch die weißen und roten Sanddünen eine willkommene Abwechslung. Bei meiner Ankunft bin ich geschockt. Mu Ne will es mir nicht einfach machen. Die Hauptstraße ist gepflastert mit kleinen Supermärkten, Touri-Nippesbuden und jeder Menge mittelmäßigen Restaurants. Alle Schilder sind nach Vietnamesisch in Russisch ausgezeichnet. Das macht die Übersetzung dank meiner ostdeutschen Bildungskarriere zwar einfacher, ich hab jedoch die schlimmste Vorahnung.

Überdurchschnittlich hübsch gemachte Frauen mit slawischen Gesichtszügen stolzieren neben ihren dickbäuchigen und dünnbeinigen Gatten. Militärischer Haarschnitt auf kugelrunden Köpfen mit fleischigen Ohren und eine dicke goldene Kette sind weitere eindeutige Merkmale des hiesigen Touristen aus dem großen Zarenreich.

Ich versuche am nächsten Morgen bei einem ausgiebigen Strandspaziergang meinen ersten Eindruck abzuschütteln. Es funktioniert. Nach drei Kilometern erreiche ich den sehr ursprünglichen Fischereihafen des Örtchens. Hunderte bunte Boote unterschiedlichster Größe liegen in der windgeschützten Bucht. Am Strand sortieren die Frauen kleine Fische, Schrimps, Tintenfische und Meeresschnecken. Der Strand ist bedeckt mit kunterbunten Muschelschalen. Ein farbiges Durcheinander was in Summe jedoch einer gewissen Ordnung folgt und sich hier jeden Morgen wiederholt. Für mich ein idyllischer Eindruck, für die Einheimischen harter Broterwerb.

Am Nachmittag nehme ich mir ein Mopedtaxi zu den 25 Kilometern entfernten weißen Sanddünen. Dort angekommen, lasse ich mir zu einer Quadtour überreden. Fünf Minuten später und  300.000 Dong ärmer ist mein grünes Gewissen endgültig besiegt. Die Dünen mit Vollgas hochheizen und durch den Sand triften macht einen Mordsspaß. Die Aussicht vom höchsten Punkt über die weite Landschaft und den leuchtendblauen Lotus See ist unbeschreiblich.

Am späten Nachmittag ist es erneut das Karma was mich genau in der Happy Hour zur Kiteschule „Windchimes“ führt. Der Inhaber Trang unterhält mit seiner beeindruckenden Lebensgeschichte. Sein größtes Talent ist es, sich Namen und Geburtsdatum auf Anhieb zu merken. Ich bin also Drache im Element Erde. Perfekte Voraussetzung fürs Kitesurfen, da Erde das Wasser förmlich in sich aufnimmt.

Am nächsten Morgen wechsle ich mein Guesthouse und nehme Quartier in „Mui Ne Garden“. So bin ich fußläufig nur fünf Minuten von Windchimes entfernt. Zwei Zimmer, Küche, Bad und Klimaanlage für 18 Dollar pro Nacht ist eigentlich viel zu viel. Ich bin die nächsten Tage nur zum Schlafen hier. Gegen 10.00 Uhr lege ich mit meinem sehr geduldigen Kitesurflehrer Tâm los. Nach einer Stunde Kiteübungen am Strand geht’s zum Bodytracking ins Wasser. An Tag Zwei lerne ich den Start mit Board aus dem Wasser und bereits am dritten Tag stehe ich längere Fahrten über die Wellen. Nur mit dem Upwind zurück zum Strand will es noch nicht so richtig funktionieren.

Nachmittags hänge ich einfach mit den anderen Leuten ab. Eine gute Mischung aus Anfängern, Kitesurf-Instruktors, Beach Boys und Profis. Alle sind so tiefenentspannt und offen. Jeder gibt gern Tipps oder lobt die Fortschritte und Sprünge der Anderen. Lee und Steve aus England, Jeroen und Hendrik aus Holland, Jason aus Australien, Rafael aus der Schweiz, Iris und Frieder aus Deutschland, Trang, Tâm und Sy aus Vietnam – ich bin froh euch zu kennen.

So lerne ich den zweiten Typus von Mui Ne – Urlaubern kennen. Leute aus allen Ecken der Welt, die bei Windchimes Kitesurfen gelernt haben oder gezielt herkommen. Dank der Windverhältnisse einer der besten Plätze in Südostasien, wie ich von „Erich the Legend“ erfahre. Er hat mit über 60 angefangen und fliegt hier seit fünf Jahren zweimal jährlich ein.

Ich bin dem Kitesurfen total verfallen. Eine coole Sportart, die man ohne großen Kraftaufwand nur mit Badehose und Shirt im warmen Wasser bis ins hohe Alter betreiben kann, ist genau mein Ding. Gute Gespräche mit spannenden Leuten, das Rahmenprogramm zur Happy Hour oder einfach nur Chillen, während wir auf den richtigen Wind warten, lassen die Stunden und Tage am Strand verrinnen wie Sand zwischen den Fußzehen.

Am Sonntag sagt die App „windy“ nur schwachen Wind voraus. Und so kommt es auch. Dafür erleben wir gemeinsam am Abend noch das Highlight einer unvergesslichen Woche. Trang lädt uns zur Hochzeit eines Freundes ein. Ich deponiere im Happy House 400.000 Dong in einem Umschlag als Eintrittsgeld, adressiert ausschließlich an den Bräutigam. Innerhalb einer Stunde werden mit einem wahnsinnigen Tempo acht Gänge serviert. Frische Frühlingsrollen, Mango Salat, Hongkong Fisch und Hot Pot sind typisch für die vietnamesische Küche. Das Highlight sind aber die „jumping shrimps“, ein Topf voller Garnelen, die lebend im Kochtopf in der Tischmitte landen. Die Kräftigste von ihnen schafft es mit einem beherzten Sprung unter den Tisch. Die Damen sitzen seit dem ein wenig unruhig auf ihren Stühlen.

Wir tanzen zu Karaoke, die Gäste reißen sich das Mikro förmlich aus der Hand. Jeder will mal. Modern Talking auf vietnamesisch klingt besser als das Original, zumindest nach dem fünften Bia Tiger. Unsere Biergläser werden ständig mit riesigen Eiswürfeln und Dosenbier aufgefüllt. Trang fordert mich zu einigen Trinkspielen. Die meisten verliert er. „Pierce, you are a dragon“ nuschelt er anerkennend und angetrunken. Nach vier Stunden ist der Hochzeitsfeierspaß vorbei. Die meisten Gäste sind bereits nach Hause. Später erfahre ich, dass so möglichst viel vom „happy money“ für das Hochzeitspaar über bleibt, um ein Geschäft zu eröffnen oder als Startkapital für ein eigenes Haus dient. Ich bin mir sicher, dass von meinen 15 Euro nicht viel Rest bleibt.

Eine Woche, die so nicht geplant war und doch nur gefühlte zwei Tage lang war. Mui„Windchimes“„Windchimes“ Ne – Auf Wiedersehen. Windchimes, bis bald.

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3 Gedanken zu “In Mui Ne „gestrandet“

  1. juhu weiter so!!!
    Das Date mit Ali nach 100 Jahren Trennung -in Saigon!!!- ist echt der Hammer und wird bestimmt in die ewigen Annalen in Walhalla eingehen.
    Bier, Wind, Bier, Hochzeit, Trinkspiele, Bier -😳- dass muss das breiteste und längste Bord der Welt gewesen sein 😝😝😝

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  2. Bei Windstärken von 20 Knoten und 14 Meter Kite reicht sogar ein normales Board 😉

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  3. Ich freue mich jedesmal Deine Reiseberichte zu lesen… ich habe das Gefühl ich bin live dabei. Genieße die Zeit ✌️

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